Der Alltag kehrt erst 2019 zurück

Birkenau. Tritt man auf die Stufen, hinterlassen die Schuhsohlen weiße Abdrücke auf der Treppe. Diese ist voll von dunklem Baustaub, der Putz an den Wänden ist bis auf die Mauern abgetragen. Im ersten Obergeschoss des Feuerwehrhauses angekommen merkt man schnell: Nach dem Brand vor drei Monaten sieht hier nichts mehr so aus, wie man es kannte. Das komplette Stockwerk, inklusive des großen Saals, ist in den Rohbau zurückversetzt worden. Ebenso das Büro, der Raum, in dem der Brand ausgebrochen ist. Die Ermittler gingen bereits einige Tage nach der Brandnacht von vorsätzlicher Brandstiftung aus. Wie das Polizeipräsidium Südhessen auf Anfrage mitteilt, hat sich daran auch nichts geändert.

Neue Erkenntnisse gibt es drei Monate nach dem Brand im April noch nicht. Die Ermittlungen dauern weiter an. Die Vernehmungen der Zeugen, unter die auch Feuerwehrleute fallen, werden derzeit noch durchgeführt, wie Christiane Kobus, Sprecherin des Polizeipräsidiums Südhessen sagt. Es wurden Spuren sichergestellt. Man habe geschaut, womit könnte der Täter in Berührung gekommen sein, wie zum Beispiel Werkzeug. „Die Auswertung dauert noch an. Wir hoffen, dass wir bald die Ergebnisse erhalten.“

„Mindestens 500 000 Euro“

Was hingegen bereits klar ist: Die zunächst angenommene Schadenssumme hat sich „immens erhöht“, wie Kobus sagt. Ein paar Stunden nach dem Brand wurde der Schaden auf 150 000 Euro geschätzt. Bereits bei der von Gemeinde und Feuerwehr einberufenen Pressekonferenz ein paar weitere Stunden später schätzte Bürgermeister Helmut Morr den Schaden höher ein. Die Dachkonstruktion, die Elektronik, die Mauern – es ist viel zu Schaden gekommen und vieles, auch die Statik, musste und muss noch überprüft werden. „Wir gehen mittlerweile von einer Schadenshöhe von mindestens 500 000 Euro aus. Aber wir müssen noch sehen, wie sich das weiterentwickelt“, sagt Kobus.

Das bestätigen auch die Brandschützer, die im Dachgeschoss des Feuerwehrhauses stehen. Vor ein paar Monaten war hier noch der Jugendraum untergebracht. Auch die Server standen hier oben. Nun ist es ein weiterer, stickiger Bereich der Baustelle an diesem heißen Julitag. „Es wird sich zeigen, wie hoch die Summe letztendlich wird. Es müssen noch einige Gespräche mit Baufirmen geführt und Angebote eingeholt werden. Vieles muss noch geprüft werden“, sagt Wehrführer Jan Hofmann beim gemeinsamen Rundgang durch das Gerätehaus mit seinem Stellvertreter Florian Schneider und Pressesprecher Marco Unholzer. Hofmann zeigt auf die Dachkonstruktion über ihm. Die Flammen schlugen vom ersten Obergeschoss auch unter das Dach. „Das sieht man hier“, sagt er. Verkohltes Holz und nackte Mauern sind zu sehen, mehr nicht.

Die Brandnacht vom 4. April

Rückblick: Um 2.28 Uhr in der Nacht zum 4. April wurde der Alarm „Feuer mittel, brennt Dachstuhl“ mit dem Treffpunkt Feuerwehrgerätehaus ausgelöst. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand der Brandschützer, dass das Feuerwehrgerätehaus selbst der Einsatzort war. 103 Einsatzkräfte der Feuerwehren der Großgemeinde und der Feuerwehr Weinheim waren mit mehr als 20 Einsatzfahrzeugen in dieser Nacht vor Ort. Das Feuer konnte bereits nach 30 Minuten gelöscht werden.

Die Folgen der Brandnacht dauern allerdings bis heute an. Und werden es auch noch einige Zeit. „Wir schätzen, dass die Sanierungsarbeiten bis Frühjahr 2019 abgeschlossen sein werden“, sagt Hofmann – wieder ein Stockwerk tiefer – und schaut auf die Zimmerdecke des großen Saals, die komplett offenliegt. Das Gebälk ist zu sehen, Kabel hängen von ihm herab. Kahle Wände sind dort zu sehen, wo früher die Schaukästen mit den wertvollen Fahnen der Feuerwehr hingen. Diese befinden sich in der Aufbereitung.

Feinarbeit in vielen Stunden

Seit gestern gehen die Arbeiten im Gerätehaus in eine nächste Runde. Dachdecker und Maurer verschaffen sich einen Überblick über die Lage. Der Wiederaufbau läuft nun größtenteils über das Rathaus. Die groben Arbeiten am Gebäude sind das eine, die Feinarbeit, die die Unterlagen und Akten der Feuerwehr betrifft, sind das andere. Bereits einige Tage nach dem Brand wurde gesichtet, wie viele Unterlagen beschädigt wurden. „Diese Arbeiten sind abgeschlossen. Alles, was wir an Unterlagen retten konnten, wurde eingescannt, sortiert und nun digital archiviert“, erklärt Hofmann. Rund zehn ehrenamtliche Feuerwehrleute waren in den Wochen nach dem Brand mit den Sichtungs- und Aufräumarbeiten beschäftigt – ein unbezahlbarer Einsatz. „Allein ich komme auf rund 200 Stunden, die ich in diese Arbeiten gesteckt habe“, macht er deutlich. Trotz Baustelle und der Ungewissheit, was in der Nacht zum 4. April genau geschehen ist, machen die Feuerwehrleute weiter. „Wir hatten noch keine Zeit, um den Vorfall zu resümieren, da wir immer wieder mit weiteren Einsätzen beschäftigt sind“, erklärt Hofmann und Schneider ergänzt: „Alles läuft weiter, Fortbildungen sowie Einsätze.“ Zuletzt waren die Birkenauer mit 18 Mann beim Großbrand im Holzwerk Monnheimer in Gras-Ellenbach im Einsatz, was ihnen noch in den Knochen steckt.

Bereits am Tag nach der Brandnacht war klar: Fahrzeughalle, Fahrzeuge und technische Geräte wurden nicht beschädigt, sodass die Feuerwehr weiter einsatzfähig blieb. Und ausrücken musste sie seit dem 4. April noch einige Male, unter anderem zu großen Einsätzen wie einer Kollision eines Autos mit der Weschnitztalbahn, Verkehrsunfälle oder Küchenbrände. Eine Veränderung, mit der die Feuerwehr klarkommen muss, ist die Platznot für den Unterricht, da der große Saal nicht nutzbar ist. DRK und LBS haben ihre Räumlichkeiten als Ausweichmöglichkeit für den Unterricht angeboten, sagt Unholzer.

Die Unterstützung ist der Feuerwehr gewiss, ebenso die positiven Reaktionen der Bevölkerung – sowohl persönlich als auch in den sozialen Netzwerken, sagt Unholzer. „Die Bevölkerung will wissen, wie der Sachstand ist und wie es weitergeht, worüber wir uns freuen. Die Birkenauer bekommen ja auch mit, dass wir weiter Einsätze fahren“, sagt Schneider. Und auch das Interesse an der Tätigkeit ist gestiegen, über zwei Neuzugänge freuen sich die Brandschützer. Es geht also weiter. awe

 

 

18.07.2018 aus Weinheimer Nachrichten/Odenwälder Zeitung, www.wnoz.de, von Ann-Kathrin Weber

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