Die Hilfe funktioniert wie ein Uhrwerk

Birkenau. Rauch aus dem Seniorenheim in der Bahnhofstraße: Einmal im Jahr steht bei der Feuerwehr der Gemeinde Birkenau die große Inspektionsübung an – eine Gelegenheit, bei der die ehrenamtlichen Einsatzkräfte nicht nur die in vielen Lehrgängen erworbenen Kenntnisse praktisch beweisen können. Die Übung stellt auch eine Situation dar, bei der mehrere Vereinigungen Hand in Hand arbeiten und für die effiziente Hilfe am Menschen gemeinsam funktionieren müssen. „Dies erfordert auch in kritischen Stresssituationen einen klaren Kopf, Einfühlungsvermögen und Flexibilität aller Beteiligter. Wir wissen schließlich nie, was uns am Einsatzort erwartet“, erklärt Einsatzleiter Marco Unholzer auf dem Platz La Rochefoucauld in Birkenau am Samstag.

Auf dem Platz im Ortskern trafen nach und nach die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Birkenau und deren Jugendabteilung, sowie der DRK-Ortsverband mit verschiedenen Einsatzwagen und die Wehrtruppe aus Weinheim mit zwei großen Wagen – einer mit der wahrscheinlich benötigten Drehleiter – ein. Insgesamt waren 65 Menschen an dieser Einsatzübung beteiligt.

Warteten nun alle gespannt auf den Beginn ihres Einsatzes, wusste Wehrführer Jan Hofmann der FFW Birkenau schon genau, wohin es gehen sollte, schließlich zeichnete er sich für die aufwendige Ausarbeitung der Übung verantwortlich. Helfen diese Probeläufe nicht nur den ausgebildeten Feuerwehrmännern, so kann auch der Nachwuchs alleine durch das Zusehen viel lernen. Deshalb verriet Hofmann der Jugendwehr den Einsatzort, damit sich alle dort einfinden konnten: Die Seniorenresidenz zwei Straßen weiter, woraufhin alle sogleich gespannt losmarschierten.

„Bereitschaft Tag und Nacht“

Nicht minder angespannt waren nun die Birkenauer und Weinheimer Wehren, sowie das DRK bei der einleitenden Begrüßung durch Hofmann und Jens Schütz des Leitungsdienstes, „denn wir danken Euch allen für Eure Bereitschaft – ob am Tag oder in der Nacht. Es passiert hier sehr viel in der letzten Zeit und die Menschen können auf Euch zählen.“

Immer wieder waren – auch bei dieser Übung – die Menschen ein Thema, die sich neugierig am Einsatzort einfinden, Bilder und sogar Videos machen und dabei oftmals die Arbeit der Helfer behindern. Das wurde auch bei dieser Übung deutlich, als Hofmann vor dem Seniorenheim den Notruf absetzte. Aus dem Gemeinschaftsraum im obersten Stock rauchte es schon kräftig heraus – und mit dem lautstarken Beginn der Martinshörner stürmten die Zuschauer auf die Straße und so manche Autofahrer rammten im Schritttempo fast noch vor lauter Begutachtung der Szenerie das erste eingetroffene Feuerwehrauto.

Insgesamt ließ dieser Einsatz alle erstaunen, die verschiedenen Helfer griffen – gleich einem verlässlichen Uhrwerk – Hand in Hand, waren koordiniert und ständig im gegenseitigen Dialog. So richtete das DRK sogleich eine Erstversorgungsstelle auf dem Parkplatz ein, während der große Drehleiterwagen der Feuerwehr Weinheim mit lauter Sirene einfuhr und der Fahrer zum Wenden in die Seitenstraße einbiegen musste.

„Schneller im Netz als vor Ort“

Die dort stehenden Zuschauer – alle mit dem Blick auf ihre filmenden Handydisplays – wichen leider erst durch die laute Hupe des Einsatzfahrzeuges zurück – und vergeudeten hierdurch wertvolle Minuten für Menschen, die im Ernstfall wirklich Hilfe brauchen. Dass sie allesamt nicht wussten, dass dies „nur“ eine Übung war, steigerte das Unverständnis für ein solches Verhalten. Alle Kinder der Jugendfeuerwehr schüttelten fassungslos den Kopf und Wehrführer Hofmann kommentierte aus langjähriger Erfahrung, „dass manchmal die Bilder schneller im Internet sind, als die Feuerwehr vor Ort“, was sich sogleich mit einem Blick in die Ortsgruppe Birkenau auf der einschlägigen Social-Media-Plattform bewahrheitete.

Die Helfer ließen sich nicht beirren, schnell war die Drehleiter an den obersten Balkon gefahren. Ein zitternder und rabenschwarz verrußter Mann der Notfalldarstellung des Jugendrotkreuz des Kreises Bergstraße wurde durch einen Feuerwehrmann mit Atemmaske in seine Leiterplattform gerettet und hinunter zu den schon wartenden Sanitätern des DRK gebracht. Hier warteten tatsächlich verschiedene Szenarien auf die Feuerwehr und das DRK, mussten doch zwei der insgesamt vier zu rettenden Personen mit Hilfe eines Tragetuches über mehrere Etagen hinweg in Sicherheit gebracht werden. Empfing sie hier schon das DRK Birkenau mit einer Krankenliege, schlossen nun die Feuerwehrmänner an der Drehleiter Wasserschläuche an. „Erst Menschenrettung, dann Brandbekämpfung“, bemerkte ein kleiner Junge der Jugendfeuerwehr, während ein Mädchen kommentierte, „dass sie jetzt das Löschstrahlrohr montieren.“

Auch der Erste Beigeordnete der Gemeinde Birkenau, Wolfgang Grün, und der Sachbearbeiter im Bereich Brandschutz Volker Schäfer fanden sich mit lobenden Worten ein. „Für unsere Übungen suchen wir natürlich immerzu auch spezielle Einsatzorte aus – einen Kindergarten, eine Schule, oder eben nun eine Seniorenresidenz. Es sind Situationen mit teilweise großen Herausforderungen, wie beispielsweise stark verängstigten Kindern, oder wie hier vielleicht mit mehreren Menschen, die durch Immobilität auf ihr Bett angewiesen sind“, so Hofmann, der am Ende des Tages sehr stolz auf alle teilnehmenden Einsatzkräfte war.

Und so resümiert auch Einsatzleiter Unholzer nach dem Einsatz bei einem verdienten Grillhähnchen, „dass alles wunderbar funktionierte. Ich danke Euch allen für Euren Einsatz!“ Ein Einsatz, der ehrenamtlich geschieht – von Menschen für Menschen und weit mehr Kompetenzen erfordert, als ein bloßer Wasserstrahl auf den gefundenen Brandherd. Ein Einsatz, den sich jeder wünschen wird, der selbst einmal betroffen sein sollte, und dann statt auf filmende Handys die Hand eines Helfers entgegengestreckt bekommt. sst

 

21.11.2017 aus Weinheimer Nachrichten/Odenwälder Zeitung, www.wnoz.de, von sst, Bilder: Fritz Kopetzky

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