Einführung in die Geschichte der Birkenauer Feuerwehr

Alles ist relativ. So banal die Erkenntnis auch sein mag, für die Würdigung der Geschichte eines Gemeinwesens ist sie hilfreich. Im Jahre 1995 wurde die Feuerwehr Birkenau nun 100 Jahre alt - eine Zahl, die stolz stimmt, aber auch eine Zeitspanne, die im Leben unserer Gemeinde nur ein Bruchstück darstellt. In der "Heppenheimer Marktbeschreibung" wird Birkenau nämlich bereits 773 als "Birkenowa" erstmals erwähnt. Der Ortsname wird als "Siedlung an der Aue mit Birken" gedeutet. Diese "Aue mit Birken" wird der Besucher des heutigen Birkenau vergeblich suchen. Viel geläufiger ist inzwischen der Beiname "Dorf der Sonnenuhren".

Mag der Vergleich auch etwas hinken, so führt er dennoch vor Augen, daß Geschichte mehr ist, als nur das angestaubte oder vergilbte Protokoll im Archiv. Geschichte ist Wandel - Wandel im großen wie im kleinen, im Bösen wie im Guten. Der Rückblick auf das 100jährige Bestehen unserer Feuerwehr ist ein Beleg dafür.

Die alten, noch vorhandenen Aktenbestände spiegeln gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse wieder. So gesehen, kann die Geschichte unserer Feuerwehr nicht losgelöst betrachtet werden von der Geschichte, die auf der großen Bühne des Weltgeschehens geschrieben wurde. Im Gründungsjahr 1895 bestimmte Kaiser Wilhelm II. die Richtlinien der Politik. Es war das Jahr, in dem der Nord-Ostsee-Kanal eröffnet wurde und in dem Wilhelm Konrad Röntgen die nach ihm benannten X-Strahlen entdeckte. Von politischer Tragweite war insbesondere ein am 11.05.1895 dem Reichstag vorgelegter Antrag, der ein Ausnahme-gesetz gegen die Sozialdemokratie zum Inhalt hatte. Das als "Umsturzvorlage" bekanntgewordene Papier wurde mehrheitlich abgelehnt. Birkenau gehörte 1895 dem seinerzeitigen "Kreis Heppenheim" an, nachdem 1874 der Kreis Lindenfels aufgelöst worden war. Die wechselvolle Geschichte der Gemeinde, die einst eine Schenkung an das Kloster Lorsch (846), später im Besitz der Pfalz war, 1721 als Lehen den Freiherren von Wambolt zufiel und 1806 hessisch wurde, manifestiert sich anschaulich auf der neuen Feuerwehrfahne, die passend zum 100jährigen Jubiläum in einem feierlichen Akt geweiht wird. Die Fahne zeigt auf der einen Seite St. Florian samt Gerätehaus, auf der anderen markante Birkenauer Bauwerke, so das neue und das schöne alte Rathaus (von 1552), die Kirchen beider Konfessionen sowie das im Jahr 1772 erbaute Barockschloß des Freiherrn von Wambolt.

Der Vorstand hat für die Fahne tief in die Tasche greifen müssen. Die Investition darf dabei aber nicht in Mark und Pfennig gerechnet, sondern muß an ideellen Wertmaßstäben gemessen werden. Das mit Tausenden von Nadelstichen entstandene Kunstwerk legt beredtes Zeugnis ab von der engen Verbundenheit, die zwischen der Gemeinde und "ihrer" Feuerwehr besteht. Die ebenfalls auf der Fahne verewigten Ziffern "1885-1995" sind weitaus mehr als nur der zahlenmäßige Beleg fürs hundertjährige Jubiläum; sie stehen vor allem symbolisch für eine Zeit, in der nicht weniger als vier Feuerwehrgenerationen Tiefen durchschreiten mußten und Höhen erklimmen durften. Vieles hat sich ereignet, seit Valentin Jakob 1895 als erster Kommandant die Geschicke der Freiwilligen Feuerwehr Birkenau in die Hände nahm. Ungeachtet dessen aber hat das Motto der Gründerväter quer durch alle Generationen hindurch auch heute noch Bestand: "Gott zur Ehr - dem Nächsten zur Wehr". Daß fast die gesamte zweite Hälfte unseres Bestehens von Katastrophen größeren Ausmaßes verschont blieb, ist einer glücklichen Fügung der Geschichte zu verdanken, für die auch - und gerade - die Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehr dankbar sind. Daß zwischen menschlichem Versagen (Krieg) und menschlichen Schicksalen (Opfer) eine Kausalität besteht, ist unbestritten. Deutlich wurde dies besonders in den letzten Kriegsmonaten 1944/45, als in Birkenau eine motorisierte Löscheinheit der Luftwaffe Station bezog. Die mit modernstem Gerät ausgestattete Einheit hatte den Auftrag, in den von Luftangriffen heimgesuchten Städten und Gemeinden des Umlandes schnellstmögliche Hilfe zu leisten. Die Menschenrettung stand dabei an erster Stelle. Befehligt wurde die Truppe von Oberstleutnant Helm, die Schaltzentrale war im Haus "Cafe Eberle" untergebracht. Birkenau trug Trauer, als bei einem dieser Einsätze vier Angehörige der Einheit ihr Leben lassen mußten. Auf dem Birkenauer Friedhof haben sie ihre letzte Ruhestätte gefunden. Erst kurz vor Kriegsende wurde die Einheit aufgelöst. Zurückgeblieben ist die Erinnerung - einerseits als Mahnung, andererseits aber auch als Auftrag, im Bemühen um eine friedvolle Zukunft nicht nachzulassen.

Quelle: Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum im Jahr 1995

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